Die Post kommt per Rakete

Oh Shit! (man merkt, mein Englisch ist super refreshed) - ein Maschinengewehr ist auf mich gerichtet. So'n fettes Dingens. Keine Ahnung was für ein Armee-Spielzeug das ist, aber sieht ziemlich böse aus…


Das war doch jetzt mal ein richtig spektakulärer Einstieg. Und nichts davon ist erfunden! Am anderen Ende des Maschinendings hing ein junger Royal Scots, der wohl in der gleichen Sekunde wie ich dachte: "Oh Shit!" Er nahm das Teil jedenfalls sofort runter und entschuldigte sich. Er hatte sein Zielfernrohr auf die Wand des Toilettenhauses im Hafen von Stornoway gerichtet, so probehalber, ob die Sicht gut ist. Und dann kam ich um die Ecke, frisch geduscht (in der Toilettenanlage gibt es eine Dusche) und gut gelaunt.

Keine Ahnung, was einen auf die Idee bringt, mit dem Zielfernrohr auf eine weiße Toilettenhauswand zu schaun. Langeweile vermutlich, denn außer ihm und vier oder fünf Millitärkollegen in Camouflage war niemand da, der sich für die Werbetour der britischen Armee interessiert hätte. Denn zu diesem Anlass waren sie da. Nur ein alter Mann bestaunte das mitgebrachte Armeefahrzeug.



Den dritten Teil meiner Hebriden-Abenteuer hab ich dem Thema "Besondere Umstände, erfordern besondere Maßnahmen" gewidmet. Das hat jetzt erstmal nicht direkt was mit der Werbetour der Britischen Armee in Stornoway zu tun, aber indirekt doch irgendwie. Zu den "Besten" gehören, Abenteuer, die Welt sehen – das klingt nicht schlecht, wenn man auf den abgelegenen Hebriden lebt und mal runter von der Insel will.



Ich hoffe aber, dass sich die Royal Scots die Füße in den Bauch gestanden haben und niemanden anwerben konnten, die Hebriden für die Armee zu verlassen. Es gibt schon genug Communwealth War Graves auf den Hebriden.

Eine andere Geschichte, in der es um ebenfalls um Raketen geht...
Der Deutsche Gerhard Zucker gehörte in den 1930er Jahren zu den Ingenieuren, die mit Raketen zur Postbeförderung experimentierten. 1934 kam er auf die Hebriden Insel Scarp, um die Innovationskraft seiner Postrakete den Schotten vorzuführen, bzw. er wollte sie ihnen "verkaufen", ist klar. Die kleine Insel liegt im Nordwesten von Harris und ist nur wenige Bootsminuten von der Hauptinsel entfernt. Aber bei schlechtem Wetter, praktisch ständig im Herbst und Winter, sind Überfahrten unmöglich, sodass die Bewohner damals lange auf Post und Informationen warten mussten. Heute gehört die Insel einem betuchten Schotten (schönes Wortspiel, ha ha) und wird nur noch in den Sommermonaten bewohnt.



Scarp war also die Paradeinsel für den Einsatz von Postraketen. Nur leider explodierte die Rakete und schrottete die Post gleich nach dem Zünden. Shit! Der frühere Scarp-Bewohner Angus Duncan schreibt in seinen "Memories of Scarp: "Der verzweifelte Zucker wurde mit Tee im Missionshaus getröstet." Das war das Ende der Postraketen in Schottland. Und auch sonst nirgendwo konnte sich die Idee durchsetzen.


 
Ich hätte wahrscheinlich im Leben nicht von Zucker gehört, wenn ich nicht dort am Strand wo die Rakete landen sollte, Donald getroffen hätte. Er war nicht live dabei, aber er ist einer der letzten 20 lebenden Menschen, die auf Scarp geboren wurden. Die Raketengeschichte ist hier natürlich legendär. 2001 wurde sie sogar unter dem Titel "The Rocket Post" verfilmt. Der Film kam aber erst ein paar Jahre später raus und lief, soweit ich herausgefunden habe, nur in Großbritannien.

Weil das Wetter so famos war, hab ich Stunden mit Rossi im Gras gelegen, nach Scarp rübergeschaut (mir dabei einen prächtigen Sonnenbrand gefangen) und die Basstölpel bewundert, wie sie sich kopfüber ins Wasser gestürzt haben. Sorry schlechtes Foto, aber man versteht es ;-))



Eine Ottersichtung (die zweite) hatte ich auch. Aber der Kerle war ebenfalls zu weit weg für ein gutes Foto. Als Beweis reicht es!



Rossi hat sich mehr für die vielen Bunnies interessiert...



... und hätte gerne nähere Bekanntschaft mit einem flauschigen Lamm geschlossen. Er scheint sie für ne etwas merkwürdige Hunderasse zu halten. Aber man lässt ihn ja leider nicht in ihre Nähe :-(



Einige der Häuser auf Scarp sind noch erhalten und werden in den Sommermonaten von Gästen des Inseleigentümers bewohnt.



Zwei Tage später, als das Wetter perfekt war, brach eine muntere Delegation nach Scarp auf, um den Bootsanleger zu reparieren. Das Ganze hatte ein bisschen was von einem Vatertags Ausflug. Anfangs waren es nur Donald und Terry (rechts im Boot), die die Reparaturen vornehmen wollten. Dann kam noch ein dritter Kumpel dazu, der vor Scarp angeln wollte (er war auch erfolgreich). Und dann trafen sie am Strand Alistair (mit Beau auf dem Schoß), der auch noch eingeladen wurde. Schließlich war das Boot mit vier Männern, zwei Hunden, Werkzeug und Holz für den Steg bis zur Oberkante beladen.



Wie schon die Geschichte von der Raketenpost zeigt, auf den Hebriden braucht es besondere Lösungen, um die Menschen in den abgelegenen Gegenden zu erreichen. Wenn der Prophet nicht zum Berg kommt, kommt der Berg eben mit dem Bus... Kirche auf Rädern - sogar auf zwei Etagen!



Oder der Bus bringt Partystimmung



Oder er hat Butterbrote dabei...



Auf den Hebrideninseln Lewis und Harris leben nicht sehr viele Menschen. Mangels vernünftiger Internetverbindung kann ich grad nicht nachschaun, wie viele es denn tatsächlich sind. Aber man kennt fast jeden oder kennt jemanden der ihn kennt oder hat schon mal von ihm gehört.

Wenn man etwas verkaufen möchte, lohnt es sich bei den paar Menschen manchmal nicht, dass jemand da sitzt und auf Kunden wartet. Die praktische Lösung ist eine Honest Box. Das klassische Beispiel für die Anwendung dieser Form von Bezahlung ist der "Eiershop" an der Straße. Frische Eier aus Freilandhaltung, von deinem lokalen Eierverkäufer.



Auch beim Camping läuft es oft auf diese Weise



oder auf dem Golfplatz...



Foto für die Golferlegende Sausi: Golfen mit Cockerspaniel!



Honest Buy im Muschelshop...



Wechselgeld gibt's in der Henne



Info für meine Mutter: So sehen die Jakobsmuscheln aus, wenn sie ihre Schale verlassen haben.



Und so gebraten - waren lecker!



Die coolste Form von Honest-Shopping praktizieren Julie und Steve in ihrem Mini Self Service Restaurant "Croft 36"



In der kleinen Holzhütte kann man eine warme Suppe, Pasteten, Brot und Kuchen zum sofortigen Verzehr oder zum Mitnehmen kaufen. Ohne Bedienung. Man nimmt sich, was man haben möchte und bezahlt in die Box. Das funktioniert sehr gut, wie mir Julie erzählt hat. Am Abend sei es immer spannend, was in der Box drin ist, aber die Summe stimmt.



Noch ein paar putzige Maßnahmen für besondere Umstände

Entspannt informieren oder warten, bis die Regenwolken weitergezogen sind...



Wenn es keinen passenden Parkplatz gibt, wird einer in die Berge gebaggert.



Schluss mit davonfliegenden Mülltonnen und Müll. Hier müsste auch mal jemand a la Zucker was hilfreiches erfinden!


Und zwei Tipps von Rossi, die man nur bedingt beherzigen sollte:
1. Wenn's dir heiß ist, schmeiß dich in ne Pfütze, ist auch viel bequemer so beim trinken!



2. Bei Mineralstoffmangel hilft Sandschlucken. Davon würde ich allerdings eher abraten, wenn du kein Hund bist...
P.S. Der Hund ist so sandig, weil er seinen Ball vergraben wollte!

 


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