Hund aus dem Tierschutz ist keine einfache Nummer. Das wusste ich, trotzdem gab es in den letzten vier Monaten einige Herausforderungen, mit denen ich nicht gerechnet hatte.
Unser Oskar hatte ja das „Glück“, dass er schon als Welpe im Tierheim abgegeben wurde, dort (vermutlich überwiegend) nette Menschen getroffen und mit anderen Hunden zusammengelebt hat. Aber im Tierheim aufgewachsen – das bedeutet auch, dass er außerhalb des Tierheims nichts kannte und alles merkwürdig, neu oder sogar angsteinflößend war. Er war immer in seinem festen Hunderudel, immer dieselben Hunde (seine Geschwister) und immer dieselben Menschen. Jetzt hat er unseren kleinen Lucky, der so völlig anders als alle anderen Hunde ist, und der ihm immer wieder Rätsel aufgibt. Er scheint sich manchmal nicht ganz sicher zu sein, ob das wirklich ein Hund ist.

Prinzipiell liebt Oskar ALLE Hunde. Das hat manchmal schon manische Züge, er flippt total aus vor Freude, einen anderen Hund zu treffen. Fremde Menschen, je nachdem, wie sie sich aufführen, können ihm jedoch Angst machen. Wenn ich mit ihm auf eine Geburtstagsfeier mit vielen fremden Menschen oder in ein Restaurant gehe, ist das in der Regel kein Problem – solange keiner auf die Idee kommt, ihm seine Freundschaft aufdrängen zu wollen. Aber Menschen, die zu uns ins Haus kommen, machen aus ihm einen knurrenden Herdenschutzhund. Besuche müssen deshalb immer geplant werden und kontrolliert stattfinden. Bitte nicht auf ihn zu gehen oder streicheln – er kommt von selber, wenn er das will. Anfangs hatte er überhaupt keine Probleme mit neuen Menschen im Haus. Er war insgesamt so eingeschüchtert, dass er alles hingenommen hat. Aber nach einigen Tagen wurde unser Haus zu seiner Hütezone, und wenn da jetzt einer rein will, lässt er den Herdenschutzhund raushängen. Wobei ich nicht nachvollziehen kann, warum einige Menschen völlig problemlos in unser Haus dürfen, andere wieder nicht. Die eine Freundin ja, die andere nicht. Die, die sich nicht besonders für Hunde interessiert hat weniger Probleme als die, die sonst von allen Hunden geliebt wird. Gegen alte Menschen hat er generell nichts, junge Menschen sind tendenziell eine Gefahr.
Die ersten Probleme traten auf, als wir plötzlich Handwerker im Garten hatten. Ich hatte gar nicht damit gerechnet, dass ihn das verunsichern könnte, aber er war völlig durch den Wind. Unser Physiotherapeut muss sich auch immer erst 5 Minuten Bellen anhören, bis er als temporäres Familienmitglied akzeptiert wird. Er ist zwar ein höchst beliebter Futterspender und theoretisch ein „Hunderversteher“, allerdings meint er Oskar mit ausladenden Handbewegungen kommandieren zu müssen und das macht dem richtig Angst. Eine Bekannte, mit der ich mich gelegentlich zum Hundespaziergang verabrede, kann problemlos in mein Auto einsteigen und dann gehen wir zusammen mit den Hunden spazieren. Sie kann auch alleine mit Oskar gehen. Aber wenn sie zu uns ins Haus will, wird sie angebellt und es dauert 5 Minuten. Allerdings versucht sie auch auf Oskar zuzugehen und ihn an die bereits bestehende Freundschaft zu erinnern.
Als ich mir die Schulter brach und wir für 8 Wochen eine Hilfe im Haus hatten, hat Oskar sechs Wochen gebraucht, bis sie ohne Bellen ins Haus, die Treppe runter oder aus ihrem Zimmer konnte. Ich befürchte, in ihm steckt eine ganze Menge Herdenschutzhund – wie in vielen rumänischen Hunden. Und ich weiß nicht, wie man einen Herdenschutzhund „optimal“ erzieht. Heute war ein Nachbarsjunge da. Oskar fand das gar nicht gut und ich hatte die Situation nicht wirklich im Griff. Im Grunde hatte ich gleich zwei Probleme: Oskar, der mich behüten will und Nachbarjunge, der die Situation nicht checkt. Oskar bellt den Buben an und dieser meint, er muss beschwichtigend auf Oskar zugehen, statt ruhig stehen zu bleiben. Unsere Nachbarn next door hingegen scheint er als Mitglieder unserer Herde zu akzeptieren. Allerdings trifft er sie auch regelmäßig am Gartenzaun. Sobald die Hitze nachlässt, geht es in die Hundeschule!
Seine Unsicherheit vor den ganzen neuen Umweltreizen merkt man natürlich auch beim Spazierengehen. Weil er sehr mit seinen Unsicherheiten beschäftigt ist, fällt es ihm schwer, sich auf etwas anderes zu konzentrieren. Und dann auch noch die Pubertät. Seine Aufmerksamkeitsspanne geht aktuell gen Null. Er hat nicht die geringste Lust, sich mit Leckerchens neue Tricks beibringen zu lassen. Sitz und Platz sind das einzige, was er gut kann. Wenn ich mit ihm Rückruf und andere Sachen trainieren will, interessiert ihn das nicht die Bohne. Es riecht alles so wahnsinnig aufregend und toll. Eine Zeitlang rannte er mit der Nase dicht am Boden und zog mich mich wie ein Bluthund hinter sich her. Nix mit Hören. Oder er ist gerade nervös, oder er muss seine Umgebung sichern oder er hat einfach ganz andere Interessen als sich mit dem Menschen am anderen Ende der Leine auseinanderzusetzen. Er ist in der Hinsicht völlig anders als Rossi.
Es gab in diesen ersten Monaten einige Momente, in denen ich gedacht habe: WARUM hab ich das gemacht???? Mit Lucky war es doch so entspannt und er war sooo anspruchslos. Warum musste ich mir einen zweiten Hund ins Haus holen? Sehr oft habe ich auch Schuldgefühle, und denke, dass ich ihm nicht genug Zeit / Aufmerksamkeit widmen kann und er bei mir nicht das sportliche Programm geboten bekommt, das er wahrscheinlich brauchen würde. Ich vermute, dass auch ein Podenco genetische Spuren bei Oskar hinterlassen hat. Sobald man ihn von der Leine lässt (oder er sich seines Geschirrs entledigt), schießt er wie ein Pfeil davon. So schnell kann man gar nicht gucken. Dann rennt er 100 Meter wie ne Rakete, bevor er abbremst, nach Lucky und mir schaut und wieder zurück kommt. Danach bleibt er dann in unserer Nähe. Das macht er jetzt glücklicherweise verlässlich so.
Als ich ihn keine Woche hatte, ist er mit solcher Wucht aus dem Auto gesprungen, dass die Leine gerissen ist. Die Nähte sind einfach aufgegangen. Oskar ist davon geschossen, nach 100 Metern stehen geblieben, hat nach mir geschaut, doch weil ich da noch neu für ihn war, ist hat er mein Rufen ignoriert und ist weiter gerast. Über eine stark befahrene Straße und weg war er. Er war keine Woche bei mir und schon bei der Polizei aktenkundig… ich bin mit dem Auto durch den ganzen Ort gefahren und hab ihn gesucht. Nach 20 Minuten kam glücklicherweise der Anruf der Polizei, dass Oskar gefunden wurde. Er hatte sich einer Frau und ihrem Hund angeschlossen und war bereitwillig mit ihnen mit spaziert – wie erwähnt, er ist verrückt auf andere Hunde! Jetzt, vier Monate später sprintet er immer noch los. Aber nach 100 Metern kommt er verlässlich zurück. Diesen Sprint liebt er total, danach kann man mit ihm ruhig spazieren gehen und er bleibt bei uns.

Wie schon erzählt, war Oskar die ersten Tage bei uns total lieb, aber halt sehr eingeschüchtert und unsicher. Was den Eindruck erweckte, er ist ein ganz lieber unkomplizierter Hund, der super hört. Das hat sich inzwischen relativiert. Vieles, was er Anfangs gut konnte, interessiert ihn jetzt nicht mehr. Er lief die ersten Tage so entspannt (oder besser ängstlich) neben mir her. Ich war so happy über meinen leinenführigen Hund. Bis er nicht mehr ängstlich war. Da fing er an zu ziehen und dann ist es sehr schwer, ihn wieder auf langsam zu bringen. Nachdem ich mir ein paar Videos zum Thema Leinenführigkeit angeschaut habe, bekomm ich jetzt im WWW nur noch thematisch passende Tipps und Produkte aufgedrängt. Die Leute sind alle ganz toll und einer weiß es besser als der andere, wie der Hund ohne ziehen neben dir herläuft. Es gibt aber auch Hunde, da ist die Sache ein bisschen komplexer, da funktioniert kein Leckerchen, kein stehen bleiben, Richtungswechsel, Spezialleine etc. pp. Manchmal läuft er ganz lieb an der Leine neben mir und Lucky her, beim nächsten Mal hat ihn ein Hund abgelenkt und er ist außer Rand und Band. Es interessiert ihn dann einfach nicht, was ich will, egal ob ich die Leberwurst zücke, ihn lobe oder schlechte Laune kriege.
Was sehr anstrengend war, ist, dass ich Lucky und Oskar die ersten Monate nicht zusammen ausführen konnte. Lucky hatte Angst vor Oskars Ungestüm, sprang kreuz und quer, um Abstand zu Oskar zu halten und Oskar hinterher. Oskar war überdreht, Lucky gestresst und ich denke über Hunde im Weltall nach, denn jetzt würde ich sie am liebsten beide auf den Mond schießen. Wenn wir wieder zu Hause waren, hatte Lucky vor lauter Stress vergessen, dass er eigentlich auf Toilette wollte. Also musste ich noch mal alleine mit Lucky los. Weil es mit den beiden nicht klappte, bin ich mehrere Monate mit ihnen getrennt, also doppelt gegangen. Problem war auch, dass die beiden unterschiedlich mit Hundebegegnungen umgehen. Lucky flippt aus, weil er Angst hat, Oskar flippt aus, weil er mit dem anderen Hund spielen will. Das endet dann im totalen Chaos.
Weil ich Oskar mehr sportliche Möglichkeiten bieten wollte, hatte ich angefangen, mit ihm Rad zu fahren. Das ging auch ganz gut, bis er entdeckt hat, dass er schneller als das Fahrrad kann. Die ersten Male war er so schön und entspannt neben mir gelaufen, dann wurde es wild. Und ich hatte ziemlich Probleme, ihn und das Fahrrad zu bremsen, denn die rechte Hand brauchte ich zur Leinenführung und kam damit nicht mehr an die Handbremse. Das brachte mich auf die Idee, dass ich ein Fahrrad mit niedrigem Einstieg und Rücktrittbremse brauche. Gedacht, gekauft, Oskar angeleint und los. Und dann hat sich herausgestellt, dass man sich nach 30 Jahren ohne Rücktrittbremse erstmal wieder umstellen muss. Ich trat beim Anfahren auf die Rückbremse, kam ins Schleudern und kippte im Zeitlupentempo in die nächste Hecke. Schulter gebrochen. Ellbogen links im letzten Jahr, Schulter rechts in diesem.
Was folgte, waren drei Monate, in denen ich richtig Stress mit den Hunden hatte und das Spazierengehen auf Minimalausflüge reduzieren musste. Wir hatten zwar für 8 Wochen eine Hilfe im Haus, aber die konnte überhaupt nicht mit Hunden und hat alles noch mehr verkompliziert. Sie hätte es fast geschafft, dass Oskar aus der ersten Etage aus dem Fenster (auf die Markise) springt. Denn statt ins Haus zu rennen und ihn von der Fensterbank zu holen, filmte sie ihn und sprach ihn auch noch so an, dass Oskar dachte, er wird gerufen / zum Sprung ermuntert. Mein Puls geht immer noch auf 240, wenn ich an das Video denke, dass sie mir dann freudestrahlend weiterleitete. Und ihr Umgang mit Lucky war auch nicht sehr umsichtig – Typ: Ich telefoniere mit der ganzen Welt, dass da ein Hund an der Leine hängt und kötteln oder pinkeln muss, interessiert mich nicht, ich zieh an der Leine, dann kommt er schon. Bei der Größe ist da ja auch nicht viel Widerstand…
Von Mitte Februar bis Mitte Juni hatte ich also eine echt schwere Zeit mit meinen beiden Hundelieblingen. Jetzt geht es auf Ende Juni zu und ich hab langsam das Gefühl, dass es besser wird. Lucky ist inzwischen ein riesiger Fan von Oskar. Er war zwischendurch ein bisschen krank und da war Oskar richtig lieb zu ihm. Seit dem will Lucky nicht mehr ohne Oskar sein. Weder beim Spazierengehen, noch beim Schlafen. Er will sein, wo Oskar ist und schläft sprichwörtlich zu seinen Füßen. Wenn ich mit ihnen im Wald spazieren gehe, wo sie nicht so viel von anderen Hunden abgelenkt werden, laufen sie beide super zusammen an der Leine. Oder auch ohne Leine. Ich hab mit Oskar Rückruf mit Pfeife trainiert und Lucky hat das Prinzip deutlich besser verstanden als Oskar. Pfiff = Leckerchen, also schnell zu der Tante trippeln (und ihr dann nicht mehr von der Seite weichen). Das ist sehr lustig, denn Lucky ist eigentlich noch lernunwilliger als Oskar. Nicht, weil unkonzentriert ist, sondern weil er aus Prinzip nur das macht, wo rauf er Lust hat. Seit Oskar da ist, zeigt er sich deutlich kooperativer.
Oskar sieht Rossi ja optisch ähnlich, hat aber ganz andere Gene in sich drin und damit ganz andere Bedürfnisse. Er liebt es z.B. zwischen den Hecken im Garten zu liegen, dazu hat er sich bereits mehrere hübsche Löcher gebuddelt. Alternativ steigt er auch schon mal in die Bauwanne, denn hier kann er nebenbei auch noch seinem zweiten Hobby frönen: Auf Plastik rumkauen….

Er schnappt sich ALLES, was aus Kunststoff ist und unbeaufsichtigt herumliegt. Und wenn es nichts aus Plastik gibt, dann lutscht er so lange an seinen und Luckys Hundekissen herum, bis ein Loch drin ist und er die Füllung rausrupfen kann. Man darf ihn keinesfalls zu lange alleine / unbeaufsichtigt in einem Zimmer lassen. In meinem Schlafzimmer unterm Dach hat er z.B. in aller Ruhe einen Topper auf dem Bett zu Kleinholz zerlegt. Im Wohnzimmer mussten mehrere Kissen und der Bezug des Sofas dran glauben. Außerdem liegt er gerne neben der Terrassentür und rupft die Tapete von der Wand….
Hier ist also ganz schön was los. Aber nach vier Monaten hab ich langsam das Gefühl, das wird gut mit uns Zwei- und Vierbeinern.
