Oskar und die Pubertät

Oskar steckt mitten in der Pubertät und ich würde ihn am liebsten jeden zweiten Tag zur Adoption freigeben. Gefühlt zumindest. Der Dackel schafft mich und stürzt mich von einer Glaubenskrise in die nächste. Mal glaube ich, alles wird gut. Mal glaube ich, gar nichts wird gut und ich pack das nicht, aus ihm einen gut erzogenen Hund zu machen. Und dann hab ich für die nächsten 14 Jahre einen Hund, den ich nicht richtig im Griff habe und der eigentlich gar nicht zu mir und meinem Leben passt. Ganz ehrlich, so lieb ich Oskar habe, eine Blind-Vermittlung aus dem Tierschutz und ein Hund, dessen Wesen keiner richtig kennt, würde ich nicht noch einmal machen. Sollte ich in die Situation kommen, dass ich mir noch einmal einen Hund anschaffe, dann wäre er älter bzw. sein „Wesen“ wäre einschätzbar, und man weiß, was drin steckt und kann sich darauf halbwegs einstellen.

Und dabei sieht er so unschuldig und süß aus.

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Aber vor allem Oskars Herdenschutztrieb macht mir Sorgen. Das ist ein Wesenszug, mit dem ich keinerlei Erfahrung habe. Ich möchte nicht die nächsten 14 Jahre niemanden mehr einladen können, weil Oskar keinen ins Haus lässt oder jeden „Eindringling“ stellen will. Aktuell muss ich jeden Besuch erst mal auf’s Sofa setzen und Oskar die Möglichkeit geben, sich mit dem neuen Herdenmitglied auseinanderzusetzen. Das finden nicht alle Besucher gut. Und anstrengend wird es dann, wenn sie Angst vor Oskar haben und die Hände abwehrend nach oben nehmen, wenn er dran schnüffeln will. Dann bekommt er Angst und bellt. Blöderweise ist er auch nicht in der Lage, Besucher wieder zu erkennen. Eine Freundin, die gerade noch mit mir und Oskar zusammen im Auto gefahren ist, will er nicht mehr kennen, wenn sie bei uns im Haus ist.

Oskar ist ein bisschen wie eine Wundertüte, ich entdecke immer wieder neue Überraschungen. Mal glaube ich, dass Oskar strunzdoof ist, dann wieder bin ich überzeugt, dass er superschlau ist und mich verarscht. Ich gebe ihm Kommandos und er überhört sie. Manchmal schaut er mich provozierend direkt an und sagt: „NÖ“. Manchmal schaut er stur an mir vorbei in eine andere Richtung: „Ich hör nichts!“.

Den ersten Monat ging es ziemlich gut mit Oskar. Er lernte dazu und wurde immer mehr zu unserem neuen Familienhund. Seine Aufmerksamkeitsspanne war zwar nicht sehr hoch, aber das konnte man seiner Vorgeschichte zuschreiben. Er lief gut neben mir her, er kam angeschossen, wenn ich Oskar rief, war interessiert an mir und wollte in meiner Nähe sein. Er konnte Sitz. Platz ging auch – wenn auch mit weniger Begeisterung. Er hatte gelernt Leckerchens im Flug zu fangen. Dann war Schluss, mehr wollte er nicht lernen. NIX ging. Apportieren konnte ich ihm z.B. gar nicht vermitteln. Er rannte zwar hinterher, aber er ließ den Ball oder Teddy dann gleich wieder fallen und kam ohne zurück. Interessierte ihn alles gar nicht. Dann schau ich mir die ganzen Insta Reels an, wie die Leute ihren Hunden die tollsten Sachen beibringen. Schon mit wenigen Monaten können die Social Media Dogs irre Tricks. Nur meiner kann gar nichts, bzw. will nichts lernen. Ich hab dann aber eingesehen, dass ich ihm mehr Zeit lassen muss – er hatte ja eine schwere Kindheit.

Mit Beginn der Pubertät wurde sein Desinteresse allerdings noch ärger. Und dann kam da noch meine gebrochene Schulter dazu und die Situation, dass ich ihm nicht mehr so viel Aufmerksamkeit widmen konnte. Kurz er wurde Erziehungstechnisch stark vernachlässigt. Ich hatte zwar ein super schlechtes Gewissen, aber es ging nicht anders. Er musste mehrere Wochen zurückstecken. Und dann wurde es auch noch Hölle heiß… Und irgendwann fühlte es sich an, als steckten wir in einem Beziehungstief. Er schien mich nur noch als Essensverteiler zu sehen. Kurz gesagt, es lief gar nicht gut mit uns. Jedenfalls nicht so, wie ich mir das vorgestellt hatte.

ABER: Dann kam der Wendepunkt. Ich hoffe zumindest, dass es der Wendepunkt ist und dass ich alles vorher Gesagte in Kürze komplett revidieren kann. Martina erzählte mir, dass sie früher Schäferhunde ausgebildet hat. Wie perfekt ist das denn? Ich fragte Martina, ob sie mir mit Oskar hilft. Jaaaaaa. Ab zur Hundewiese. Wir haben beim ersten Mal gar nicht viel gemacht. Erstmal nur Rückruf mit Pfeife geübt. Das klappte eine Zeit lang richtig gut und dann klappte es nicht mehr so gut. Er hatte sehr schnell raus, dass man nur vom einen zum anderen rennen muss und schon bekommt man leckere Sachen zugesteckt. Scheiß auf die Pfeife, ich kann das auch ohne. Aber er legte dann auch nach Lust und Laune Pausen ein. Schmiss sich ins Gras und beschloss, jetzt tu ich nichts mehr. Wir ließen ihn pausieren. Es kamen fremde Hunde auf die Wiese. Wir haben es geschafft, dass er nicht wie ein Irrer hin gerannt ist, um die anderen Hunde zu begrüßen. Natürlich wollte er dann erst mal nicht weiter trainieren. Und natürlich zog er dann doch los, die anderen Hunde zu begrüßen. Das machte er jedoch sehr höflich und zurückhaltend. Martina war total begeistert, was für ein toller, sozialer Hund er ist und wie gut er mit anderen Hunden kann. UND dann kam er tatsächlich wieder zurück. HURRA!

Anschließend waren wir im Hundeshop und haben Oskar erst mal ein Halsband gekauft. Er hatte bis dahin nur Geschirre und darin zog er wie ein Irrer. Das Halsband ist tatsächlich gut. Er läuft wieder neben mir, ohne alle paar Meter wie ein Irrer loszustürmen. Als wir wieder zu Hause waren, war es, als hätte ich einen neuen Hund. Er war plötzlich gewillt, neue Dinge zu lernen. Am Mittwoch lernte er Pfötchen geben, am Donnerstag konnte er wieder Platz, Tags drauf konnten wir mit „Peng“ bzw. hinlegen weitermachen. Ich hab ihm im Garten einen kleinen Hindernis Parkour aufgebaut und er hat schnell kapiert, dass er drüber hüpfen muss.

Beim zweiten Training mit Martina hatten wir die Schleppleine mit, um ihn ein bisschen mehr in die richtige Richtung zu lenken. War aber eigentlich nicht sehr hilfreich. Zumindest nach meinem Empfinden. Martina sagt, Oskar ist hoch intelligent. Er checkt sofort was er tun soll und macht es auch. Allerdings nur ein paar Mal. Dann hat er keine Lust mehr. Hin und her laufen fand er schnell doof. Er entdeckte ein Mauseloch und war kurz davor sein Mittagessen zu fangen. Vermutlich steckt auch noch ein Pinscher mit drin. Rückruf konnte er ja schon (fand er zumindest) also wollte er was Neues. Dass er was Leckeres bekommt, wenn er umschichtig von Martina zu mir rennt, war ihm total egal. Vor allem hatte er keinen Bock mehr, zu Martina zu laufen. Martinas Kommentar: „Ganz ehrlich, mir sind dumme Hunde lieber, die machen, was man von ihnen will, ohne den Sinn der Übung in Frage zu stellen“.

Also hab ich einen klugen Hund und dadurch mehr Probleme. Wobei seine „Klugheit“ eine ganz andere ist, als bei meinem Terriermischling Rossi. Der war sehr lösungsorientiert und wusste immer, wie er sich helfen konnte. Oskar ist mehr der Typ, ich mach keine sinnlosen Sachen – bzw. nur die, die ich machen will. Er weiß ganz genau, was ich von ihm will und was er darf oder nicht. Aber er entscheidet, ob er drauf hört oder es ignoriert. Da steckt also noch eine Menge Arbeit drin.

Das zweite Training auf der Wiese endete damit, dass wir mit dem Rückruf aufgehört haben. Stattdessen hab ich Sitz, Platz und Bleib mit ihm geübt. Da bekam er seine Belohnung deutlich schneller und es schien ihm mehr Spaß zu machen. Ich bin sehr dankbar, dass Martina uns begleitet. Sie hat einen anderen Blick auf sein Verhalten und sieht auch, ob ich ihn zur rechten Zeit belohne, oder falsches Verhalten verstärke und wenn ich ihm falsche Signale gebe. Ein Zuschauer ist super. Und Martina scheint auch Spaß dran zu haben.

Als wir Feierabend machen wollten, kamen noch zwei andere Hunde auf die Wiese und wir haben Oskar die Zeit um „Toben“ mit Juna gegeben. Ist also alles sehr gut gelaufen. Übermorgen geht es wieder auf die Wiese. Und ich hoffe, dass ich meine Entscheidung zum Zweithund bald nicht mehr in Frage stelle.

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