Oskar ist ein Dorfhund – die sind anders drauf!

 

Als Oskar anfing, Besuchern den Zutritt zu unserem Haus zu verwehren, war ich erstmal ratlos. Hatte ich einen Herdenschutzhund und würde nie wieder Besuch empfangen können? Weil ich wissen wollte, wie sich unser Zusammenleben in den nächsten 14-15 Jahren gestalten wird, bzw. auf was ich mich einstellen muss, hatte ich einen Gentest machen lassen. Gestern ist das Ergebnis gekommen und ich bin überrascht. Nicht, weil es ein völlig abstruses Ergebnis ist, sondern eines, das ich überhaupt nicht auf dem Schirm hatte. Nein, ich habe keinen seltenen, reinrassigen Edelhund. Ich habe einen „Hund“, dessen eigenständiges genetisches Vorhandensein ich bis dato gar nicht wahrgenommen hatte. Einen Süd-Ost-Europäischen Dorfhund mit etwas Schäferhund (hatte ich vermutet) und Balkan Dorfhund. Also kurz gesagt, er ist ein Dorfhund-Mix.

Mein Oskar:

Mein Oskar

Ich war davon ausgegangen, dass ich halt einen Mischling habe. Ein bisschen von dem, ein bisschen von dem und alles zusammen ergibt Oskar. Stattdessen erfahre ich, dass er nicht einfach ein Mischling ist, wie wir ihn hierzulande kennen, sondern einer genetischen Hunde-Population entspringt, die sich in seiner Region über mehrere Jahrhunderte ohne menschliches Zutun entwickelt hat. Ein Village Dog ist in dem Sinne keine eigene Rasse, aber auch kein „einfacher“ Mischling, sondern eine, ich nenn es mal „eine regionale Mischung“ mit gemeinsamer Genetik.

Die Fa. canix, wo ich den Test hab machen lassen, schreibt über den Süd-Ost-Europäischen Dorfhund, dass er sich durch unkontrollierte Verpaarungen über viele Generationen hinweg entwickelt hat und seine Vorfahren sollen sich bis in die Jungsteinzeit zurück verfolgen lassen. Krass! Und jetzt kommt Oskar und was so einen Village Dog auszeichnet: Die Hunde sind Fremden gegenüber zurückhaltend, sie sind intelligent, halten aber nichts von Gehorsamkeitstraining sondern treffen situative Entscheidungen. „Er beobachtet, bewertet, entscheidet selbstständig. Klassisches Unterordnungsdrilling funktioniert mit ihm schlechter als konsequente, positive Beziehungsarbeit… “ Außerdem – auch ganz mein Oskar braucht er „Beschäftigung, Bewegung und sozialen Kontakt. Leerlauf und Isolation verträgt er schlecht“.

Ich bin richtig happy mit dem Testergebnis. Nachdem ich auf allen sozialen Netzwerken nonstop Hundeerziehungstipps eingespielt bekomme, die bei Oskar so gar nicht fruchten wollen, hatte ich die ganze Zeit das Gefühl, dass das für Oskar nicht passt. Entweder das, oder ich war einfach zu doof für diesen Hund. Wir kamen jedenfalls nicht so richtig voran. Wie schon erwähnt hatte ich nach meinem Schulterbruch das Gefühl, dass wir in einem Beziehungstief stecken. Er war so völlig anders als Rossi und gar nicht der Hund, den ich mir als neuen Lebensabschnittsgefährten gewünscht hätte. Ich weiß, das klingt traurig, aber ich will die Situation ehrlich beschreiben, weil es bestimmt noch mehr „Dorfhund-Halter“ gibt, die an ihrem Hund verzweifeln und ähnlich fühlen. Das ist in Ordnung. Obwohl ich häufiger dran gedacht habe, war Aufgeben für mich keine Option. Aber man darf niemanden verurteilen, der mit seinem Dorfhund nicht zurecht kommt und ihn wieder abgibt. Diese Hund sind von ihrer Genetik auf ein freies, eigenständiges Leben im Freien / im Rudel ausgerichtet. Sie aus einem rumänischen Dorf in eine deutsche Etagenwohnung oder Eigenheim zu holen, traumatisiert einen Dorfhund unter Umständen mehr, als wenn er unter schlechten Bedingungen auf der Straße leben müsste.  Sag ich mal – ohne wissenschaftlichen Befund. Es sind nur meine Gedanken zu der Dorfhund-Situation in Rumänien, die ich selbst gesehen und erlebt habe und den „Problemen“ mit Oskar. Er verhält sich anders als Hunde aus unsere Breitengraden.

Den Sommer hat Oskar mehr oder weniger im Garten verbracht, Fliegen und Ameisen studiert, Löcher gegraben und alles mögliche zerkaut. Er kam nur selten zu mir, um sich streicheln zu lassen. Er wollte kein Futter aus meiner Hand anzunehmen, war immer auf Abstand. Was nicht heißt, dass er nicht gestreichelt werden wollte. Das schon, aber er war immer irgendwie distanziert. Und sobald sich die Möglichkeit ergab, war er weg. Tür auf, Oskar raus und weg. Leine ab, Oskar weg, Autotüre auf, Holter di Polter raus. Immer in Fluchtbereitschaft. Er rannte nicht kopflos weg, sondern kam nach einem gewissen Abstand wieder zurück und blieb in der Nähe. Aber meistens war es schwer, an ihn ranzukommen, um ihn wieder an die Leine zu nehmen oder ins Haus zu holen.

Oskar im Garten

Ich hab eine Menge verrückte Sachen mit Oskar erlebt, die man durchaus als die Dokumentation meines Versagens verstehen könnte. Inzwischen sehe ich es anders: Es gab einfach Missverständnisse zwischen uns. Und nicht nur Oskar war distanziert, auch mein Herz war nicht so 100% bei ihm. Weil er so anders war, als ich es mir gewünscht hätte, weil er nicht „kooperieren“ wollte, weil er mir mehr abverlangte, als ich geben konnte und vieles mehr. Ich habe selbst nach acht Monaten mit Oskar noch überlegt, ob es nicht jemanden gibt, der einen sportlich agilen Hund möchte, und ihn gegen seinen älteren ruhigen Hund eintauschen würde. Ist wahr. Ich hatte einfach das Gewühl, wir passen nicht richtig zusammen, wir haben ein unterschiedliches Lebenskonzept und Oskar wäre bei anderen Menschen vielleicht besser dran.

Inzwischen weiß ich, dass es Leute gibt, die 4 Jahre und länger gebraucht haben, bis ihr „Dorfhund“ bei ihnen angekommen war und ein Begleiter wurde. Als ich mich näher mit dem Thema osteuropäische Dorfhunde beschäftigte, stieß ich auf den Bericht einer Frau, die jahrelang mit ihrem Hund von Trainer zu Trainer gezogen war, bis sie verstanden hatte, dass er einfach anders gestrickt ist. Seit ich das gelesen habe, fühle ich mich nicht mehr als Versagerin, sondern habe das Gefühl, dass ich  intuitiv recht fix von alleine drauf gekommen bin. Irgendwann hab ich gedacht, Sch… auf Leinenführigkeit, Gehorsamkeitsübungen und tolle Tricks, wir müssen erstmal an unserer Beziehung arbeiten, alles andere kommt danach.

Ich kann keine Tipps geben, wie das mit dem Beziehungsaufbau funktioniert. Unsere verbesserte sich merklich, als ich begann, ihn mit der Hand zu füttern. Also jeder Trockenfutterbrocken wurde bei mir abgeholt. Anfangs war er sehr vorsichtig, nahm es „zähneknirrschend“ mit zurückgezogenen Lefzen. Dann wurde es langsam besser. Er wich nicht mehr zurück, ließ sich anfassen. Im nächsten Schritt fand ich heraus, dass ich ihn am besten mit getrocknetem Hühnchenfleisch motivieren kann. Inzwischen läuft es bei Waldspaziergängen mit dem Rückruf richtig gut. Ich würde nicht drauf vertrauen, dass er eine Hasenjagd abbrechen würde. Aber im Wald kommt er zurück, wenn ich ihn pfeife. Er lässt sich mit Hühnchen ablenken, wenn andere spannende Sachen unterwegs sind, ich kann ihn unterwegs anfassen und anleinen. Meistens ohne Probleme. Er ist in den letzten Wochen ein paar Mal ungeplant zur Haustür raus. Und er ist nicht mehr abgehaun, sondern zurück gekommen, Und ich hab keine Ahnung, wann es passiert ist, wie es passiert ist… auf einmal ist da Liebe zwischen uns. Ich weiß, dass er noch länger an der Leine ziehen wird, aber wir haben uns lieb und einen gemeinsamen Weg gefunden.

Oskar auf dem Sofa

Ein paar Katastrophengeschichten mit Oskar

In der ersten Woche ist Oskar so heftig aus meinem Auto gesprungen, dass die Leine gerissen ist. Er war weg wie nichts, blieb nach 100 Metern stehen, schaute mich noch einmal an und verschwand über eine vielbefahrene Straße aus meinem Sichtfeld. Polizei informiert und rumgefahren, um ihn zu suchen. Sah mich schon mit einem toten Oskar dasitzen und nach Erklärungen suchen, wie ich dem Tierschutzverein beibringe, dass Oskar nur eine Woche bei mir überlebt hat. Nach einer halben Stunde Rückruf von der Polizei. Oskar ist gefunden. Er hat sich einer Frau und deren Hund angeschlossen und ist mit ihnen (ganz brav an der Leine) nach Hause spaziert.

Mehrfach durch die Haustüre abgehauen und in der Nachbarschaft unterwegs gewesen, bevor er wieder eingefangen werden konnte. Vorzugsweise schaute er beim Labrador Mischling ein paar Häuser weiter vorbei. Zumindest wusste ich immer, wo ich ihn finde. Ihn wieder nach Hause zu bringen, konnte dann aber anstrengend werden. Meistens gab es bei diesen Ausflügen einen kausalen Zusammenhang mit von meiner Mutter geöffneten Haus- und Terrassentüren. Einige Male war ich auch selber schuld, weil ich dachte, er kommt die letzten Schritte vom Auto brav hinter mir her ins Haus. Neee. Wech.

Einmal war ich beim Arzt, als zu Hause ein Paket abgegeben wurde, konnte ich übers Tracking verfolgen. Irgendwie wusste ich es, meine Mutter hatte bestimmt die Tür aufgemacht, Oskar raus und weg und sie hat es nicht gemerkt. Also die Nachbarin angerufen, ob sie mal schaun kann, ob Oskar noch im Haus ist. Nein, er lungerte vor dem Haus des geliebten Labrador-Mix herum. Als er unsere Nachbarin sah, kam er freudestrahlend angerast und ging auch widerstandslos mit ins Haus. Tatsächlich war er sehr froh, dass ihn die Nachbarin reinließ, denn er hatte wohl schon eine Weile bei uns vor der Tür gesessen und geheult, dass er rein will.

Um weitere Eskapaden dieser Art zu verhindern, entschied ich mich zu einer technischen Lösung, die Oskar nicht so toll findet.
Oskar kann nicht raus

Tagesausflug mit dem Wohnmobil. Meine Mutter bleibt mit den Hunden im Womo, ich besuche eine Ausstellung und bin eine halbe Stunde weg. Meine Mutter verwechselt die Wohnmobiltür mit unserer Terrassentür und lässt die Hunde in den „Garten“, als sie anfangen quengelig zu werden. Meine Hunde sind auf völlig unbekanntem Terrain unterwegs. Lucky ist es tatsächlich gelungen, in den Ausstellungsraum zu kommen und dort nach mir zu suchen. Er wurde mir von einer Freundin überreicht. Oskar war derweil draußen unterwegs und irrte in Wohnmobil Nähe herum. Glücklicherweise waren wir da schon so weit, dass er auf Pfeifen zurück kommt. Er kam zurück, ließ sich einfangen und alles ging gut aus. Puuuh.

Also nach 8 Monaten mit meinem rumänischen Dorfhund, haben wir endlich eine schöne emotionale Bindung und ich denke nicht mehr darüber nach, dass er es woanders besser haben könnte, oder dass mir ein anderer Hund lieber wäre. Ich kann jetzt langsam anfangen, richtig mit ihm zu arbeiten und dann kriegen wir auch die anderen Probleme gelöst. Ach ja, er ist kein „Herdenschutzhund“ mehr. Wir können wieder Besuch empfangen. Zuviele Leute auf einmal machen ihn nervös, aber wenn es nur ein Mensch ist, freut er sich wie Hulle.

Bin very Happy und Oskar glaub ich auch!

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